Unrein

Wir waren noch Kinder, da sind zwei unserer Nachbarjungs und ich eine Wette eingegangen: wer kann sich am schmutzigsten machen? (Für Kinder: bitte nicht nachmachen, Ihr und ich bekäme sonst Ärger...)


Der Eine fand eine Stelle am Ufer eines Baches und hat sich da schön gesuhlt. Der Andere und ich taten uns zusammen und fanden etwas, was viel genialer war. Die Straße vor unserem Haus war neu asphaltiert, und warmer Teer ist für ein Kind wirklich interesssant. Stolz trugen wir beide den Sieg davon. Wir waren begeistert; nur unsere Mütter nicht. Und das ließen sie uns deutlich spüren.
Wir werden zur Reinheit erzogen. So haben wir es nicht gerne, wenn sich einer sich dreckig macht oder den Schmutz ins Haus trägt. Nicht nur, dass Säubern eine lästige Arbeit ist; Schmutz und Unreinheit birgt auch immer die Gefahr von Krankheit mit sich. Große Epidemien in der Geschichte konnten sich nur aus Mangel an Hygiene ausbreiten. Im Ersten Weltkrieg sind viele Soldaten nicht durch Feindeinwirkung, sondern durch mangelnde Hygiene im schmutzigen Grabenkrieg umgekommen.


Schon im alten Judentum galt daher Unreinheit stets als eine Sphäre des Bösen und des Todes. Wer unrein war, durfte nicht am Gottesdienst teilnehmen. Daher lässt sich die Regel aus dem Alten Testament erklären, dass Priester darüber urteilten, dass ein Mensch rein oder unrein war. Dies ist auch der Hintergrund des Verhaltens von Priester und Levit im Gleichnis vom Barmherzigen Samariter (vgl. Lk 10, 30ff.). Die beiden Gottesdiener lassen den verwundeten Mann am Straßenrand links liegen. Sie tun das aber nicht einfach nur kalter Herzlosigkeit; vielmehr halten sie sich an die alten Reinheitsvorschriften. Wer blutet, galt als unrein; und damit durfte sich keiner beflecken, der im Tempel Dienst hatte. So verrückt das heute klingt: nach diesem Denken gilt der als gottgefällig, der sich nicht mit Unreinheit beschmutzt.
Solche Vorstellungen sind heute zwar meist überwunden: aber es bleibt, dass wir uns nicht gerne die Finger schmutzig machen. Viele machen lieber einen Bogen darum: Sich um kleine Kinder kümmern, Alte pflegen,Verletzte im Straßenverkehr versorgen, Menschen in armseligen Verhältnissen helfen.


Aber eben so handelt Jesus (vgl. Mk 1, 40-45). Er berührt den Aussätzigen, er will, dass der wieder rein wird. Der Herr lässt sich vom Schicksal des Kranken bewegen, und so durchbricht er ohne Angst vor Ansteckung die Sphäre des Bösen. Wir Christen haben ebenso die Angst vor dem Schmutz der Welt abzulegen und heilend den Menschen zu begegnen. Nicht, was von außen kommt, hat der Christ zu fürchten, sondern was aus seinem Inneren kommt (vgl. Mk 7, 15). So können wir das Bild von Papst Franziskus über Kirche als "Feldlazarett" verstehen: als Glaubender darf, nein: muss ich mir die Finger dreckig machen, wenn ich damit anderen helfe.
Die Liebe Gottes ist reiner als aller Schmutz der Welt.

 

Ein befreundeter Pastor