Zu Herzen gehen


Et nemo percipit corde.


Liebe Mitchristen, in der Renaissance wurde für die Passionszeit ein Chorsatz verfasst, der eben diese Worte aus dem Prophetenbuch Jeremia (Jer 12,8) erwähnt. Zu deutsch heißen sie etwa: und niemand nimmt es sich zu Herzen. Jesus stirbt am Kreuz und niemand nimmt es sich zu Herzen. Jesus macht seine letzte Stunde durch – und die Jünger, die ihn so lange begleitet haben glänzen durch Abwesenheit. Ja mehr noch, er wird verspottet und belacht, in dem Augenblick, da er stirbt. Niemand nimmt es sich zu Herzen, nur ganz wenige teilen seinen Schmerz am Kreuz. Sogar von seinem Gott fühlt er sich verlassen.


Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.
Er macht die Hölle durch. Und zwar nicht nur dadurch, dass er höllische Schmerzen ertragen muss. Auch seelisch erfährt er, was Hölle ist. Hölle ist nämlich die Erfahrung, dass Gott nicht da ist.


Niemand nimmt es sich zu Herzen.
Auch heut zu tage passiert es. Wir feiern den Tod unseres Herrn, und so viele – gerade auch Christen – machen alles Mögliche; nur sie nehmen sich keine Zeit mehr für den, der am Kreuz stirbt.
Das muss doch die Hölle sein.
Stell dir vor, du leidest, und keiner ist da.
Stell dir vor, du musst Abschied vom Leben nehmen, und kein Lebender ist um dich.
Mitleid, so sagt man heute spöttisch, sei billig, heuchlerisch und unnötig.


Aber der Herr leidet mit allen Menschen. Er stirbt so für uns alle, um jedem Sterbenden nahe zu sein. Er nimmt es sich zu Herzen, wenn jemand in Todesnot gerät. Darüber kann ich nicht spotten.
Gottes Sohn macht den Tod durch – somit wird der Tod nicht mehr gottlos.
Wenigstens uns soll dieser Tod zu Herzen gehen. Denn er hilft uns bei unserem eigenem Tod.


Sein Tod bedeutet für uns Leben.

 

Ein befreundeter Priester - 2017

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